Familie Brandenstein

Bahnhofstraße 25

Julius Brandenstein wurde am 9. Juni 1877 in Hofgeismar (bei Kassel) als zehntes von elf Kindern geboren. Die Eltern betrieben dort ein Geschäft für landwirtschaftliche Bedarfsgüter. Julius besuchte das Realgymnasium und arbeitete nach der Schulzeit als Kaufmann. Seine spätere Ehefrau, Frieda Rosenmeyer, kam am 14. Mai 1884 als jüngste von drei Schwestern in Wolfhagen (etwa 30 Kilometer von Hofgeismar entfernt) zur Welt. 

Julius und Frieda heirateten am 23. Dezember 1909 in Straßburg. Dort betrieben Friedas Eltern, Josef und Friederike Rosenmeyer, in der Marktgasse 9 ein Möbelgeschäft. Unter dieser Adresse ist in den Adressbüchern der Jahre 1912 und 1913 auch Julius Brandenstein zu finden. Zuvor war er in der Kellermannstaden 5 gemeldet. Vermutlich arbeitete Julius im Geschäft seiner Schwiegereltern. Um 1913 wurde das Geschäft der Rosenmeyers in die Judengasse 12 verlegt.

Am 9. November 1911 kam Tochter Lotte in Straßburg zur Welt, zwei Jahre später – im März 1913 – zog die Familie Brandenstein nach Unna in die Bahnhofstraße 25 um. Julius und Frieda Brandenstein übernahmen dort das 1889 gegründete Konfektionsgeschäft von Josef Reifenberg, dem Ehemann von Julius ältester Schwester Rosalie. 

Das Geschäft firmierte weiterhin unter dem in Unna seit vielen Jahren vertrauten Namen „Josef Reifenberg“. Mit der Geburt von Sohn Kurt am 21. Juli 1920 war die Familie Brandenstein komplett. 

Im Jahr zuvor hatten die Eltern von Frieda Brandenstein Straßburg verlassen. Da das Elsass nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu Frankreich gehörte, hätte das Ehepaar ein Einbürgerungsverfahren durchlaufen müssen. Die Rosenmeyers entschieden sich dazu, zur Familie ihrer Tochter Frieda nach Unna zu ziehen und bezogen das Obergeschoss im Haus der Brandensteins. Josef Rosenmeyer arbeitete in deren Geschäft bis zu seinem Tod im Jahr 1935 als Kassierer.

Das Geschäft der Familie Brandenstein lag an zentraler Stelle in der Altstadt von Unna und war eines der größten Konfektionsgeschäfte in der Stadt. Wie Lotte Kaufmann (geb. Brandenstein) in ihren Erinnerungen schreibt, fühlten sich die Brandensteins in erster Linie als Deutsche und erst dann als Juden. Julius diente während des Ersten Weltkriegs als Soldat und das Ehepaar stiftete Edelmetalle auf den unter dem Motto „Gold gab ich für Eisen“ erfolgenden Aufruf zur Metallspende. Das Ehepaar erhielt einen eisernen Ring mit der Aufschrift „Vaterlandsdank 1914“ als Dank für ihren Beitrag an der Finanzierung der Kriegswirtschaft. Trotz der starken Identifikation mit Deutschland sei sich die Familie bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten des Antisemitismus‘ in der Gesellschaft bewusst gewesen. Die Kinder Lotte und Kurt seien in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Juden in Deutschland nicht voll akzeptiert waren, und sie seien dazu angehalten worden, nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Obwohl es auch viele Kontakte zur nichtjüdischen Bevölkerung gab, habe der engere Freundeskreis der Eltern ausschließlich aus Juden bestanden. So berichtet Lotte Kaufmann in ihrer Autobiographie.

Die Familie war nicht streng religiös – das Fasten lernte Lotte erstmals als 16-jährige während eines Aufenthalts in einem Israelitischen Mädchenpensionat in Lausanne kennen –, doch die Familie war sich ihrer jüdischen Identität bewusst und Julius Brandenstein engagierte sich in der Synagogengemeinde Unna, in der er unter anderem als Vorstandsmitglied fungierte.

Die im hohen Alter von Lotte Kaufmann verfasste Autobiographie gibt viele Einblicke in das Leben der Familie Brandenstein. Da beide Elternteile beruflich stark eingebunden und häufig auf Geschäftsreisen gewesen seien, hätten sich Angestellte um Haushalt und Kinder gekümmert. Einmal monatlich seien sie von einer Waschfrau unterstützt worden. Auch Kuraufenthalte von Frieda Brandenstein, die unter Ischiasbeschwerden gelitten habe, hätten zu wiederholten Abwesenheiten der Mutter geführt. Lotte schildert das Familienleben als harmonisch und ihre Kindheit als sehr glücklich. Sie liebte Musik, erhielt Gesang- und Klavierunterricht und nahm Tanzstunden. Ihr Vater sei eine sehr freundliche und immer zu Späßen aufgelegte Person, ihre Mutter ihre beste Freundin gewesen, mit der sie über alles habe reden können. Die Eltern hätten viele Freunde gehabt und trotz ihrer geschäftlichen Verpflichtungen ein reges Sozialleben geführt. Sonntage habe die Familie gemeinsam verbracht, Besuche gemacht oder Ausflüge unternommen. Über Politik oder geschäftliche Belange sei – zumindest vor den Kindern – nicht gesprochen worden.

Die Großfamilie Brandenstein habe untereinander intensiven Kontakt gepflegt. Alle zwei Jahre habe ein Familientreffen der elf Geschwister und deren Familien, die in ganz Deutschland verstreut lebten, stattgefunden. Auch die Familie ihrer Mutter sei laut Lotte Kaufmann eng verbunden gewesen. Die ab 1919 im Haus der Brandensteins lebenden Großeltern mütterlicherseits, Josef und Friederike Rosenmeyer, seien aber meist für sich geblieben. Ihre Großmutter beschreibt Lotte als nett, aber etwas altmodisch, ihren Großvater als aufgeschlossen und modern.

Obwohl Lotte Brandenstein eine Empfehlung zur Fortsetzung ihrer Schulausbildung erhalten hatte, verließ sie auf eigenen Wunsch im Alter von 16 Jahren die Schule, da sie lieber reisen und Sprachen lernen wollte. Vom 13. Juni bis 12. Dezember 1928 besuchte sie ein Israelitisches Mädchen-Pensionat im schweizerischen Lausanne (Pensionnat Israélite de Demoiselles Mme Lévy-Hauser „Les Ombelles“, Avenue E. Rambert). Das Folgejahr brachte von März bis August einen Aufenthalt in London an einer weiteren „finishing school“, in der Mädchen auf den Eintritt in das gesellschaftliche Leben vorbereitet wurden. Nach der Rückkehr nach Unna half Lotte zunächst im elterlichen Geschäft aus. Im Sommer 1930, 1931 und 1932 fuhr sie ohne Begleitung ihrer Eltern in Urlaub nach Engelberg (Schweiz) sowie auf Norderney.

Bis zum 14. März 1931 besuchte Lotte die Höhere Handelsschule in Dortmund, wo sie unter anderem Fertigkeiten in Stenografie und Maschineschreiben erwarb. Ab dem 5. Oktober 1932 arbeitete Lotte Brandenstein dann als Volontärin in der Firma P. Conitzer in Duisburg, die einem Freund ihres Vaters gehörte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beendete sie die Beschäftigung Ende März 1933 vorzeitig und kehrte nach Unna zurück, nachdem es zuvor zu Ausschreitungen gegen ihren Arbeitgeber und andere jüdische Geschäftsleute durch die SA gekommen war. Erneut schien ein Auslandsaufenthalt eine Lösung zu bieten: Lotte arbeitete ab Oktober 1933 in Brüssel als Kindermädchen bei einer emigrierten deutschen Familie. Als sie in Belgien keine weitere Aufenthaltserlaubnis erhielt, kehrte sie im Februar 1934 nach Unna zurück.

Im Oktober des gleichen Jahres lernten sich Lotte Brandenstein und der Kaufmann Karl Kaufmann (geb. am 24. Februar 1908) aus Hilden im Geschäft der Brandensteins in Unna kennen. Die Familie Kaufmann betrieb seit 1863 eine große Kaffeerösterei in Hilden. Als Karls Vater wenige Monate später unerwartet starb, übernahm Karl die Geschäftsführung. Am 3. September 1936 heirateten Lotte Brandenstein und Karl Kaufmann in Unna. Trauzeugen waren Julius Brandenstein und Werner Kaufmann, Karls Bruder. Im Büro des Rabbis fand lediglich eine kleine Zeremonie statt, da die Familie keine Aufmerksamkeit erregen wollte. Das Ehepaar lebte nun – zusammen mit der verwitweten Mutter von Karl, Erna Kaufmann, sowie seinem Bruder Werner – in Karls Elternhaus in der Benrather Straße 1 in Hilden.

Die Familie Brandenstein nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten

Auch die Familie Brandenstein litt seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten unter der zunehmenden Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Lotte Kaufmann erwähnt, dass die Geschäfte schlechter gelaufen seien, da Kunden den Laden nun entweder aus Überzeugung boykottiert oder aber Angst gehabt hätten, weiterhin dort einzukaufen. Der beste Freund ihres jüngeren Bruders Kurt – der Sohn eines wenige Häuser entfernt lebenden Zahnarztes – habe den Kontakt abgebrochen und dessen Vater habe die Brandensteins nicht mehr behandelt. Aus Sorge vor Übergriffen habe Julius Brandenstein einen Schäferhund gekauft, der nachts den Laden bewacht habe. (Der Hund Elko ist auf Fotografien seit April 1933 zu sehen; ob es vielleicht einen Zusammenhang mit dem Boykott jüdischer Läden am 1. April 1933 gibt, kann nur vermutet werden.) Die „arischen“ Angestellten hätten nicht länger für die Familie gearbeitet, sodass Frieda Brandenstein, unterstützt von ihrer Tochter, neben den geschäftlichen Verpflichtungen nun auch die Hausarbeit habe übernehmen müssen. Die „Nürnberger Gesetze“ vom 15. September 1935 schrieben unter anderem vor, dass keine „arischen“ Dienstmädchen unter 45 Jahren in jüdischen Haushalten beschäftigt werden durften. 

Über die Kindheit und Jugend von Kurt Brandenstein (geb. 21. Juli 1920) gibt es weniger Informationen. Seine Bar Mitzwa feierte er am 5. August 1933. Kurt besuchte in Unna das Gymnasium, verließ die Schule aber nach Abschluss der Untersekunda, da er dort zunehmend Anfeindungen und Misshandlungen von Mitschülern ausgesetzt gewesen sei. Seinen Berufswunsch, Zahnarzt zu werden, konnte er deshalb nicht verwirklichen; bis zu seiner Emigration arbeitete er als Lehrling in einer Dortmunder Autowerkstatt.

Emigration der Kinder

Angesichts der immer bedrohlicher werdenden Lage für die jüdische Bevölkerung suchten die Brandensteins nach einer Möglichkeit, ihren Sohn Kurt ins Ausland in Sicherheit zu bringen. Ein in den USA lebender Verwandter – ein Cousin von Lotte und Kurt Brandenstein – übernahm die Bürgschaft für den 17-Jährigen. Ende Oktober 1937 konnte Kurt nach New York emigrieren. 

Da die Situation für das junge Ehepaar Kaufmann in Hilden ebenfalls immer schwieriger wurde, reifte auch dort der Entschluss, Deutschland zu verlassen. Ein wohlhabender Cousin von Lottes Schwiegermutter Erna Kaufmann in New York, Leon Lowenstein, übernahm die Bürgschaft für Lotte und Karl Kaufmann sowie für dessen Bruder Werner (der sich in den USA Walter nannte). Zu diesem Zeitpunkt konnten sich aber wohl weder das Ehepaar Brandenstein noch Erna Kaufmann dazu entschließen, ihr Heimatland zu verlassen. Noch immer war es für die in der Vergangenheit angesehenen Geschäftsleute kaum vorstellbar, einer unmittelbaren Gefahr ausgesetzt zu sein. Lotte Kaufmann mutmaßt zudem, dass die Eltern ihren Kindern bei dem schwierigen Aufbau einer neuen Existenz in der Ferne nicht zur Last fallen, sondern ihnen später folgen wollten. Nachdem die Kaufmanns ihr Geschäft in Hilden aufgelöst, die erheblichen Abgaben für jüdische Emigranten gezahlt und im April 1938 ihre Visa erhalten hatten, reisten Lotte, Karl und Werner Kaufmann zunächst zu Verwandten nach Amsterdam, wo sie auf die Abfahrt ihres Schiffes warteten. Am 2. Juni 1938 traten die drei auf der SS Nieuw Amsterdam von Rotterdam aus die Überfahrt nach New York an. Da die Familie Kaufmann sehr wohlhabend war, konnten die drei erster Klasse reisen. Die Mitnahme von Bargeld für den Neustart in Amerika war auf wenige tausend Dollar beschränkt. Es war ihnen aber zu diesem Zeitpunkt noch möglich, Sachgüter auszuführen: Zwei Liftvans (große Seekisten) gefüllt mit Möbeln, Kleidung, Silber und persönlichen Gegenständen nahmen sie mit in die USA. 

Nach dem Fortgang der Kinder

Nur wenige Monate nach der Emigration von Tochter und Schwiegersohn bemühte sich Julius Brandenstein um einen Käufer für sein Wohn- und Geschäftshaus in Unna. Vermutlich waren die Erträge vor dem Hintergrund der sich immer weiter verschärfenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung so stark eingebrochen, dass Julius Brandenstein keine Zukunft mehr für sein Konfektionsgeschäft sah. Offensichtlich plante die Familie einen Umzug zu Erna Kaufmann, die nach dem Fortgang der Kinder nun allein in Hilden lebte. 

Am 1. Oktober 1938 schloss Julius Brandenstein einen Vertrag über den Verkauf von Haus und Geschäft in der Bahnhofstraße, die im April 1933 in Adolf-Hitler-Straße umbenannt worden war. Käufer der Immobilie war das NSDAP-Mitglied Hans Sors. Dieser handelte in Unna u.a. mit Radios, Elektrogeräten, Waschmaschinen und Motorrädern. Die Übergabe der Immobilie sollte zum 1. Dezember 1938, der Auszug aus der Wohnetage spätestens zum Jahresende erfolgen. Als Kaufpreis waren 50.000 RM für Grundstück und Gebäude sowie 2.000 RM für die Geschäftseinrichtung vereinbart. 

Tatsächlich erhielt Julius Brandenstein einen geringeren Betrag. Ein Mittel im Zuge der „Arisierung“ – der Zwangsenteignung jüdischen Besitzes zugunsten von Nichtjuden – war die Beanstandung von Kaufpreisen. Statt des Verkehrswertes musste der niedrigere Einheitswert eines Objektes zugrunde gelegt werden. Auch der Preis der Immobilie der Familie Brandenstein wurde vom Gauwirtschaftsberater beanstandet und auf 44.300 RM reduziert. Auf dieser Grundlage kam es am 22. Oktober 1938 zu einer Vertragsänderung, die im Dezember 1938 die Genehmigung erhielt. Mitte November wurde laut Gewerbekartei das Konfektionsgeschäft „Josef Reifenberg“ (Inhaber: Julius Brandenstein) abgemeldet und eingestellt. Im Hellweger Anzeiger erschienen nun Annoncen, in denen Hans Sors auf den bevorstehenden Umzug seines Radio-Geschäfts hinwies: „Ab 1. Dezember findet der Verkauf in den bedeutend vergrößerten Geschäftsräumen meines Hauses Adolf-Hitler-Straße 25 statt“.

Novemberpogrom

In der Pogromnacht (9./10. November 1938) wurde das Geschäft der Familie Brandenstein beschädigt und das Ehepaar Brandenstein verhaftet. Julius wurde in das Polizeigefängnis, Frieda vorübergehend in das Israelitische Altersheim in Unna gebracht. Friedas Mutter, die 80-jährige Friederike Rosenmeyer, war aufgrund ihres Alters einer Verhaftung entgangen. Der Tag der Rückkehr von Frieda ist nicht überliefert; Julius Brandenstein konnte das Gefängnis am 18. November verlassen. Als Grund für seine Entlassung aus der „Schutzhaft“ nannte Unnas Bürgermeister Kloeber die laufenden „Arisierungsverhandlungen“. Sechs Tage später meldeten sich Julius und Frieda Brandenstein sowie Friederike Rosenmeyer aus Unna ab. Die drei verbliebenen Mitglieder der Familie Brandenstein (Josef Rosenmeyer war bereits im Oktober 1935 gestorben) lebten nun als Mieter im Haus von Lottes Schwiegermutter Erna Kaufmann in der Benrather Straße 1 in Hilden. Während noch wenige Monate zuvor eine Emigration nicht in Erwägung gezogen worden war, hatten die Schrecken der Pogromnacht und der anschließenden Verhaftung deutlich vor Augen geführt, wie stark Leib und Leben der jüdischen Bevölkerung bedroht waren.

Fortgang aus Unna, Deportation und Tod

Erna Kaufmann verließ Hilden im Januar 1939 und zog zu ihren in Amsterdam lebenden Brüdern. Auch Julius Brandenstein bereitete für sich und seine Familienangehörigen die Auswanderung vor. Am 12. Januar 1939 stellte er die Passanträge. Da die Stadt Hilden auf den Auszug aus der Wohnung in der Benrather Straße 1 drängte, die erforderlichen Papiere für eine Ausreise aber nicht rechtzeitig beschafft werden konnten, kontaktierte Julius einen Bekannten – den Kaufmann Max Maier in der Brohlerstraße 11 in Köln –, der den Brandensteins eine Wohnung vermitteln konnte. Im Juni 1939 siedelte das Ehepaar Brandenstein gemeinsam mit Friederike Rosenmeyer nach Köln um. Da sowohl die Meldedaten in Hilden wie auch in Köln verloren gegangen sind, ist die genaue Adresse unbekannt.

Die Spur der Familie findet sich erst im Jahr 1942 wieder. Der Versuch von Carl Kaufmann, Lottes Eltern sowie seiner Mutter Erna im Jahr 1941 eine Ausreise über Kuba zu ermöglichen, war gescheitert. Friederike Rosenmeyer starb am 14. April 1942 im Jüdischen Krankenhaus in Köln-Ehrenfeld. Ihr letzter Wohnort war das Ghettohaus in der Hülchrather Straße 6 in Köln. Frieda und Julius Brandenstein wurden am 15. Juni 1942 aus dem Ghettohaus Cäcilienstraße 18-22 in Köln mit dem Transport III/1 nach Theresienstadt deportiert. Der Transport erreichte das Ghetto am Folgetag. Einen Monat später nahm sich das Ehepaar das Leben – möglicherweise als ein letzter verzweifelter Akt der Selbstbestimmung. Julius Brandenstein starb am 15. Juli um 17 Uhr. In der Todesfallanzeige ist vermerkt: „Krankheit: Selbstmord mit Schlafmittel – Lungenentzündung“; „Todesursache: Kreislaufschwäche“. Frieda starb in den Morgenstunden des Folgetags, am 16. Juli um 3 Uhr. Hier lauten die Einträge in der Todesfallanzeige: „Krankheit: Selbstmord durch Gift (Veronal)“; „Todesursache: Pneumonia – Lungenentzündung“. Julius Brandenstein wurde 65 Jahre, seine Ehefrau Frieda 58 Jahre alt. Lotte Kaufmann schreibt in ihren Erinnerungen über den Selbstmord ihrer Eltern: „My parents must have suffered something awful because they are so jolly and upbeat all the time. To commit suicide, they must have been suffering so badly that they couldn't take it.” (S. 74) (Meine Eltern müssen etwas Schreckliches erlebt haben, denn sie sind immer so fröhlich und gut gelaunt. Um Selbstmord zu begehen, müssen sie so sehr gelitten haben, dass sie es nicht mehr ertragen konnten.)

Lotte und Kurt: Ein neues Leben in den USA

Den Kindern von Julius und Frieda Brandenstein gelang es nach ihrer Emigration in die USA, sich Stück für Stück neue Existenzen aufzubauen. Kurt Brandenstein amerikanisierte seinen Namen in Kurt Branden. Während seiner Militärzeit war er Mitglied der so genannten Ritchie Boys, einer Abteilung des nach Kriegseintritt der USA gebildeten militärischen Geheimdienstes. Im Camp Ritchie in Maryland wurden deutsche und österreichische Emigranten, darunter viele Juden, in psychologischer Kriegsführung geschult und nach dem D-Day im Juni 1944 zum Beispiel bei Verhören von Kriegsgefangenen oder Überläufern eingesetzt. Kurt Branden war während des Zweiten Weltkriegs in Europa eingesetzt; im November 1945 kehrte er in die USA zurück.

Auch Carl Kaufmann, Lottes Ehemann, wurde zum Militär eingezogen und war in Jacksonville in Florida stationiert. Wegen seines Alters blieb ihm ein Kriegseinsatz in Übersee erspart. Im Juli 1945 kam Sohn Joel, das einzige Kind von Lotte und Carl Kaufmann, in Jacksonville zur Welt. Die Familie zog anschließend wieder nach New Jersey. 1947 gelang Carl Kaufmann mit dem Vertrieb von Süßwaren wieder der Schritt in die Selbstständigkeit. Lotte arbeitete 27 Jahre in dem mehrfach erweiterten Geschäft ELJAY als Buchhalterin. Ihr Bruder Kurt stieg als Partner von Carl Kaufmann in das Geschäft ein. Nach dem Verkauf des Geschäfts verbrachten Lotte und Carl Kaufmann ihren Ruhestand in Santa Rosa in Kalifornien. Dort starb Lotte Kaufmann am 23. Juni 2008 im Alter von 96 Jahren; ihren Ehemann Carl hatte sie bereits 1989 verloren. 

Kurt Branden hatte zwei Kinder. Er starb am 20. April 2004 in Palm Beach in Florida im Alter von 83 Jahren.

Wiedergutmachung

Nachdem Kurt Branden und Lotte Kaufmann über den Suchdienst des Roten Kreuzes nach dem Krieg vom Schicksal ihrer Eltern erfahren hatten, stellten sie Anfang 1948 einen Antrag auf Wiedergutmachung.

Hans Sors wies im anschließenden Verfahren den Vorwurf zurück, dass der Kauf des Brandenstein’schen Wohn- und Geschäftshauses unter Zwang erfolgt sei. Die Immobilie sei ihm im Auftrag von Brandenstein von mehreren Personen angeboten worden, da er schon seit Längerem Geschäftsräume in der Bahnhofstraße gesucht habe. Leumundszeugen erklärten, Sors habe sich mehrfach für die Familie Brandenstein eingesetzt und es habe ein gutes Einvernehmen zwischen den beiden Vertragsparteien bestanden.

Im November 1950 wurde die „Rückerstattungssache“ gegen Hans Sors mit einem Vergleich abgeschlossen. Gegen Zahlung eines Betrags in Höhe von 15.000 DM verzichteten Kurt Branden und Lotte Kaufmann auf weitere Rückerstattungsansprüche.

Aufgrund des Bundesentschädigungsgesetzes aus dem Jahr 1953 erhielten Kurt Branden und Lotte Kaufmann zwischen 1956 und 1965 in mehreren Verfahren Entschädigungszahlungen zugesprochen. Berücksichtigung fand der Schaden, den Kurt Brandenstein durch die Unterbrechung seiner Ausbildung erlitten hatte, sowie der Entzug von Wertgegenständen, Hausrat und Bankguthaben.

Beate Olmer

 

Quellen/Literatur:

Lotte Kaufmann: What a Life!, Personal History Productions, 2008

Carl Kaufmann, My Dear Alix …, 1983 / ²2016 © Joel Kaufmann

Fotoalbum von Lotte Brandenstein, Hellweg-Museum Unna, Inv.-Nr. 2021/105, 2021/106, 2021/109

Cramers Kunstanstalt Dortmund, Hellweg-Museum Unna, Inv.-Nr. 91/249

Meldekarten Brandenstein (Meldekartei/Bürgerrolle der Stadt Unna, Stadtarchiv Unna, Melderegister

Todesfallanzeigen des Ghettos Theresienstadt (www.holocaust/cz/de/opferdatenbank)

Stadtarchiv Hilden, Bestand 3 – Kriegsämter – Paket 38 – II 02503-96

Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, S010 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Süd, Gauwirtschaftsberater, Nr. 121

Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, K 730 – Kreispolizeibehörde Unna, Nr. 43

Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, L 352 – Ämter für gesperrte Vermögen, Kreisamt Unna, Nr. 98

Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, L 352 – Ämter für gesperrte Vermögen, Kreisamt Unna, Nr. 125

Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Q 121, Landgerichte, Rückerstattungen, Nr. 4647