Familie Hanauer

Friedrich-Ebert-Straße 26

Im März 1930 zog das Ehepaar Siegfried und Käthe Hanauer mit den Kindern Felix, Paul und Elfriede von Euskirchen nach Unna in die Kaiserstraße 26 (Friedrich-Ebert-Straße 26). Käthe kehrte mit diesem Umzug in ihre Heimatstadt zurück, wo sie am 7. November 1887 als Käthe Grünewald geboren wurde. In ihrem Elternhaus in der Kaiserstraße lebte die Familie Hanauer zusammen mit Käthes Mutter, Luise Grünewald. Der Vater Moses (Moritz) Grünewald war bereits 1927 verstorben und hatte am Kirchplatz 10 ein Manufaktur- und Modewarengeschäft betrieben, das von Käthes Schwester Meta Eichenwald fortgeführt wurde.

Siegfried Hanauer, geboren am 1. September 1878 Lingen (Ems), hatte Käthe im November 1910 in Unna geheiratet und am 1. Mai 1912 das Stoff- und Kurzwarengeschäft seines Vaters Selig Hanauer in der Wilhelmstraße 9 in Euskirchen übernommen. In Euskirchen kamen die vier Kinder des Paares zur Welt: am 13. September 1911 Viktor Hermann, am 17. November 1912 Felix, am 5. März 1915 Paul und am 5. Januar 1920 Elfriede Sophia. Siegfried war als angesehener Geschäftsmann viele Jahre Mitglied des Euskirchener Stadtrates und engagierte sich im Euskirchener Turnverein, den er zeitweise leitete. Die Tochter Elfriede (Rufname Friedel) beschrieb 1984 rückblickend die Zeit in Euskirchen: „Ich kam von Euskirchen, Rheinland, wo wir Kinder in keiner Weise einen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Kindern sahen. Ich ging mit Begeisterung in die katholische Kirche. Meine Freundinnen hatten ihre Teller zu Chanukka. Mein Vater und [meine] Brüder waren im Deutschen Turnverein. Vater im Kegelklub.“1

Im Frühjahr 1930 gab Siegfried Hanauer sein Geschäft angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage auf. In Unna war Siegfried Hanauer als selbständiger Handelsvertreter der Berliner Knabenhosenfabrik Heinrich Hanauer für Rheinland und Westfalen tätig. Der Sohn Felix setze seine Schullaufbahn fort und legte an einem humanistischen Gymnasium in Hamm sein Abitur ab. Er nahm an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg ein Studium auf. Der Sohn Paul, der in Euskirchen das Gymnasium besucht hatte und durch einen Unfall ein Jahr im Krankenhaus verbringen musste, entschloss sich 1931 zu einer kaufmännischen Lehre, die er in der Herrenkonfektionsfabrik Karl & Josef Kleinmann in Berlin-Mitte absolvierte, wo er anschließend als Einrichter tätig war. Im März 1935 kehrte Felix Hanauer zu seinen Eltern nach Unna zurück, da er seine Anstellung in dem Berliner Unternehmen verloren hatte, das durch die antijüdischen Boykottmaßnahmen zunehmend in den Ruin getrieben wurde.

 

Die Tochter Elfriede (Friedel) besuchte, wie schon zuvor ihre Mutter und ihre Tanten, das städtische Oberlyzeum in Unna (heute Katharinenschule). Sie, die in Euskirchen keinen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Kindern empfunden hatte, erinnert sich 1984 an ihr Leben in Unna: „Jedenfalls hatte ich von Anfang an keine Beziehung zu der christlichen Bevölkerung. Im Gegensatz zu meiner Mutter, die ja in Unna geboren [worden war] und Freunde hatte. Ich fing an in die Synagoge zu gehen (freiwillig). Aber bis 33 hatte ich keinerlei Schwierigkeiten.“2 Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war sie zunehmend antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, auch in der Schule, in der immer mehr Lehrer gegen linientreue NS-Anhänger ausgetauscht wurden. Sie berichtet von einem Erlebnis auf dem Schulweg am 13. März 1933: „Auf dem Markt gegenüber vom Rathaus wurden mit viel Gesang die schwarz-rot-goldene Fahnen verbrannt. Ich war nach der Schule wohl in den Trubel gekommen. Und stand vorne, als am Rathausfenster ein Mann erschien und rief, ‘auch diese Fahne wird wieder auferstehen!’ Darauf liefen SA-Leute rauf und schlugen ihn blutig. […] Die Ängste von damals sitzen mir heute noch in den Knochen.“3 (Hier Abb. Fahnenverbrennung einfügen) Der neue Direktor, ihr Geschichtslehrer, hetzte im Unterricht gegen die angeblich Brunnen vergiftenden Juden, und auf dem Schulweg rief man ihr nach: „Jude Itzig, Nase spitzig, Augen eckig, A… dreckig.“4 1934 hielt sie der antisemitischen Stimmung nicht mehr stand und verließ nach der Untertertia das Lyzeum, obwohl sie ursprünglich Medizin studieren wollte. Nach einer kurzen Beschäftigung im Israelitischen Altersheim in Unna zog sie im Juni 1935 nach Berlin, um ihre Schulausbildung fortzusetzen.

Auch für Siegfried Hanauer verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation zunehmend, immer weniger Unternehmen waren bereit, mit Juden geschäftliche Beziehungen zu pflegen. Für Familie Hanauer zeichnete sich ab, dass es für sie in Deutschland keine Perspektive gäbe. Sie plante die Auswanderung nach Palästina. Da dort vor allem landwirtschaftliche Arbeitskräfte benötigt wurden, ging Paul von März bis Mai 1936 zur landwirtschaftlichen Ausbildung nach Regensburg. Diese setzte er von Juni 1936 bis Mai 1939 auf dem Lehrgut «Werkdorp» in Nieuwesluis (Niederlande) fort. Im November 1936 folgte ihm seine Schwester Elfriede auf das Lehrgut. Im Juli 1937 wanderten Siegfried und Käthe Hanauer nach Palästina aus und zogen nach Kfar Shmaryahu bei Herzlia, wo Siegfried als landwirtschaftliche Hilfskraft arbeitete. Die ungewohnte schwere körperliche Arbeit unter belastenden klimatischen Bedingungen blieb nicht ohne gesundheitliche Folgen. Siegfried Hanauer verstarb am 2. April 1938 im Alter von 59 Jahren. Wenige Tage zuvor war Elfriede ihren Eltern nach Palästina gefolgt. Auch sie arbeitete bis zu ihrer Heirat 1942 in der Landwirtschaft und als Hausangestellte, später lebte sie in Haifa. Ihre Großmutter Luise Grünewald blieb in Unna zurück. Sie starb am 15. Dezember 1938 und wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Massener Straße beerdigt. 

Im Mai 1939 erhielt Paul ein Hechaluz-Zertifikat für Palästina und gelangte von den Niederlanden über Paris und Marseille mit der SS Champolion nach Tel Aviv.

Er nannte sich nun Shaul und lebte bis 1951 im Kibbuz Beth Haschitah, in dem er für seine landwirtschaftliche Mitarbeit nur Kost und Quartier bekam. Anlässlich eines Besuches in Euskirchen berichte er 1981 über seine Zeit im Kibbuz: „Das Leben war sehr schwer, wenig zu essen; aber schwere Arbeit! Dazu kamen alle diese »Pionierkrankheiten« wie Malaria etc. Die ersten vier bis fünf Jahre wohnten wir nur in Zelten, die in den Winterstürmen manchmal mal wegflogen. Aber das Gefühl der Verbundenheit war so stark, daß man alles ertrug.“5 Im Kibbuz Beth Haschitah lebte auch der ältere Bruder Felix Hanauer, der von Berlin nach Palästina emigriert war und sich in Israel Zwi nannte. Käthe Hanauer zog nach dem Tod ihres Mannes ebenfalls in den Kibbuz und half in der Landwirtschaft. Der älteste Sohn Viktor Hermann Hanauer zog am 8. November 1932 von Berlin nach Unna zu den Eltern und blieb bis zum 18. August 1933. Daraufhin lebte er in Aachen und fasste später beruflich in München Fuß, wo er auch 1935 heiratete. Er emigrierte mit seiner Frau zunächst nach Palästina und später nach Johannesburg in Südafrika. Seit 1952 lebte Paul (Shaul) außerhalb des Kibbuz und war als Sekretär der Kleinsiedlergemeinschaft Rishpon tätig.

Am 4. Juni 2012 wurden zum Gedenken an das Schicksal der Familie Hanauer vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Friedrich-Ebert-Straße 26 in Unna sechs „Stolpersteine“ verlegt.

Sabine Krämer

Quellen/Literatur:

LAV NRW Westfalen, Regierung Arnsberg, Wiedergutmachungen 601 892 / 603 447 / 622 838

Stadtarchiv Unna, Briefwechsel von Friedel Brotzen geb. Hanauer mit Andres Antepoth 1984.

Klaus Basner: Unna. Historisches Porträt einer Stadt, Band 2, Unna 2013

Düsberg, Jürgen: Stolpersteine in Unna, 2007-2012, Unna 2012

Schulte, Klaus H. S.: Dokumentation zur Geschichte der Juden am linken Niederrhein seit dem 17. Jahrhundert, Düsseldorf 1972, S. 51-54

Kölner Stadt-Anzeiger vom 2./3. Mai 1981, Lokalteil Euskirchen

Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 31. Mai 2012, Lokalteil Unna


1 Brief von Friedel Brotzen geb. Hanauer (Haifa, Israel) an Andreas Antepoth (Kamen) vom 5. Dezember 1984, Stadtarchiv Unna
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Kölner Stadt-Anzeiger, Lokalteil Euskirchen, vom 2./3. Mai 1981