Familie Müller

Dorotheenstraße 29

Die Geschwister Eduard und Berta Müller zogen am 30. November 1933 von Gelsenkirchen nach Unna in das Haus Göringstraße 6-8 (heute Massener Straße), in dem das Ehepaar Emil und Selma Marcus ein Kaufhaus für Textilwaren betrieben. Eduard und Berta folgten mit diesem Umzug ihrer Schwester Helene Elkan, die bereits seit 1921 in Unna lebte. 

Eduard Müller wurde am 30. März 1883 in Wattenscheid geboren. Berta kam am 11. Mai 1887 in Gelsenkirchen zur Welt. Ihre Eltern waren der Kaufmann Asser Müller und seine Frau Alina geb. Mendel. Über das Leben von Eduard und Berta ist nur wenig überliefert. Eduard diente als Soldat im Ersten Weltkrieg und wurde mit einem Frontkämpfer-Ehrenkreuz ausgezeichnet. In jungen Jahren war Eduard als Handelsreisender tätig. Auf den Unnaer Meldekarten wird er als Büroangestellter bezeichnet. Über Bertas berufliche Tätigkeiten ist nichts bekannt.

 

In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurden Eduard und Berta in der Wohnung ihrer Schwester Helene Elkan in der Kaiserstraße 9 (heute Friedrich-Ebert-Straße) in „Schutzhaft“ genommen. Gemeinsam mit seinem Schwager Siegmund Elkan wurde Eduard zunächst mit acht weiteren jüdischen Männern im Polizeigefängnis Unna festgesetzt und anschließend nach einer Inhaftierung im Polizeigefängnis Dortmund (Steinwache) im KZ Sachsenhausen interniert. Wie dem Bericht des Bürgermeisters Kloeber vom 10. November 19381 über die Ereignisse der Pogromnacht zu entnehmen ist, wurden die festgenommenen jüdischen Frauen im jüdischen Altersheim an der Düppelstraße (heute Mühlenstraße) gefangen gehalten. Berta erscheint in diesem Bericht irrtümlicher Weise als Ehefrau von Eduard. Nachdem Eduard Müller am 22. Dezember 1938 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen worden war, kehrte er nach Unna zurück. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs ist vermerkt, dass Eduard Müller im Arbeitslager Borghorst Dumte (Kreis Steinfurt) interniert war. Die Internierten wurden bei Regulierungsarbeiten an der Steinfurter Aa eingesetzt. Der genaue Zeitraum seines Aufenthalts in diesem Arbeitslager ist nicht bekannt.

Nachdem das Ehepaar Marcus das Haus Göringstraße 6-8 im Sommer 1939 unter dem Druck der antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen an einen „arischen“ Käufer verkauft hatte und schließlich im September 1941 aus Deutschland geflohen war, mussten auch Eduard und Berta Müller ihre Wohnung aufgeben und zogen am 18. September 1941 in die Dorotheenstraße 29.

Am 28. April 1942 vermerkte die Stadt Unna auf den Meldekarten von Eduard und Berta Müller „unbekannt wohin verzogen“. Hinter diesem Eintrag verbirgt sich der Beginn ihrer Deportation in das Ghetto von Zamość, etwa 100 Kilometer südwestlich von Lublin.2 Zusammen mit ihrer Schwester Helene und ihrem Schwager Siegmund Elkan sowie fünfzehn weiteren Jüdinnen und Juden aus Unna wurden sie zunächst nach Dortmund gebracht. Als Sammelstelle für die zur Deportation vorgesehenen Menschen aus dem Regierungsbezirk Arnsberg diente der Eintracht-Sportplatz. Unter Bewachung durch die Schutzpolizei und der Gestapo wurden die Menschen registriert und bis zu ihrem Weitertransport am 30. April in der angrenzenden Turnhalle3 eingesperrt. Der Zug ging vom Bahnhof Dortmund-Süd ab und erreichte nach 65 Stunden Fahrt am 3. Mai 1942 die Kleinstadt Zamość. Über das weitere Schicksal von Eduard und Berta Müller liegen keine Informationen vor. Das in Zamość eingerichtete Ghetto wurde als Durchgangsstation in die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka genutzt. Von den 791 Menschen, die in diesem Transport von Dortmund nach Zamość verschleppt wurden, hat niemand überlebt.

An das Schicksal von Eduard und Berta Müller erinnern seit dem 12. August 2010 zwei Stolpersteine an der Dorotheenstraße 29.

Sabine Krämer

Quellen und Literatur

Meldekarten Eduard und Berta Müller, Stadtarchiv Unna

Standesamt Gelsenkirchen, Geburtsregister 457, 1887, Stadtarchiv Gelsenkirchen

Standesamt Gelsenkirchen, Heiratsregister 138,1912-1, Stadtarchiv Gelsenkirchen

Standesamt Wattenscheid, Geburtsregister 151, 1883, Stadtarchiv Bochum

LAV NRW Westfalen, K 730 – Kreispolizeibehörde Unna, Politische Polizei, Nr. 43: Aktionen gegen Juden, 1938-1939

LAV NRW Westfalen, Q 121 – Rückerstattungen, Nr. 5925

Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, hrsg. v. Bundesarchiv Berlin, Onlineversion https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de933176 

Ralf Piorr / Peter Witte (Hrsg.): Ohne Rückkehr. Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamość im April 1942, Essen 2012


1 LAV NRW Westfalen, K 730 – Kreispolizeibehörde Unna, Politische Polizei, Nr. 43: Aktionen gegen Juden, 1938-1939.

2 Zur Deportation nach Zamość siehe Ralf Piorr / Peter Witte (Hrsg.): Ohne Rückkehr. Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamość im April 1942, Essen 2012.

3 Das Gelände liegt nordöstlich der Kreuzung der B1 mit der Ruhrallee (Ruhrallee 92), die Sporthalle wurde um 2000 abgerissen.